Von: Landesverband Badischer Imker e.V. [mailto:LV.Bad.Imker@t-online.de]
Gesendet: Montag, 5. Mai 2008 00:17
An: 'peter.hauk@mlr.bwl.de'
Cc: 'joachim.Hauck@mlr.bwl.de'
Betreff: Massenhaftes Bienensterben in der Rheinebene - Sofortige Einrichtung eines Krisenstabes gefordert

Sehr geehrter Herr Minister Hauk,

seit einer Woche sterben in der Rheinebene massenhaft die Honigbienen, so wie ich es in meiner 20-jährigen Amtszeit als Vorsitzender der badischen Imker noch nie erlebt habe. Die Todeszone reicht von Bad Krozingen bis nach Rastatt (soweit bisher bekannt). Neu ist am massenhaften Absterben der Bienen nicht nur das Ausmaß, sondern auch der Verlauf. Der Totenfall nimmt nicht ab, sondern steigert sich seit einer Woche und wir gehen davon aus, dass sich durch das sonnige Wetter auch kommende Woche das Massensterben weiter fortsetzen wird. Auch ein zweites Phänomen ist neu: Das Zentrum der Todeszone liegt nicht im Bereich der Sonderkulturen des Erwerbsobstbaus, sondern in den klassischen Maisanbaugebieten der Rheinebene. In diesen Gebieten waren bisher Bienenvergiftungen eigentlich unbekannt. Es handelt sich um die Region mit der größten Bienenvölkerdichte in Deutschland, die viele Imker für die bisher problemlose Frühjahresentwicklung ihrer Völker nutzen. Was wir bisher über den Schadensumfang wissen, ist nur die Spitze des Eisberges. Von mehren Hundert Imkern mit vielen Tausend Bienenvölkern sind die Probleme bekannt. Im Einzelfall liegen dem Landesverband bisher gemeldete Schadenshöhen von bis zu 17.000,00 EURO pro Imker vor. Die Dunkelziffer ist jedoch viel höher. Die meisten Imker in dieser Todeszone haben bis jetzt noch nicht das schleichende bis massive Sterben ihrer Völker wahrgenommen bzw. melden die erlebte Misere nicht aus Angst vor einer möglichen Diskussion, ob der Honig überhaupt noch genießbar sei. Die Regierungspräsidien Freiburg und Karlsruhe und die Mitarbeiter der betroffenen Landwirtschaftsämter waren die ganze Woche vor Ort, um Bienen- und Pflanzenproben für die Untersuchungsstelle für Bienenvergiftungen am Julius Kühn-Institut in Braunschweig zu ziehen. Imker haben zwischenzeitlich auch aufgrund der erlebten Ohnmacht der Fachbehörden die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Soweit der Sachstandsbericht in aller Kürze.

Um bei der Klärung der Situation mitzuhelfen, haben wir analysiert, was sich dieses Jahr im Vergleich zu den Vorjahren in der Rheinebene verändert hat und sind dabei auf die Maisbeizung gestoßen, die erstmals mit dem hochtoxischen Mittel Poncho Pro gegen den Maiswurzelbohrer durchgeführt wird. Dieses Mittel ist bisher nicht auf Bienengefährlichkeit untersucht worden. Die von den Maisbauern eingesetzten pneumatischen Sähmaschinen setzen das Gift in einer Feinstaubwolke frei, die sich als Abtrift über das Land verteilt. Die Bienen sammeln den kontaminierten Blütenstaub und Nektar und tragen das tödliche Gift in das Bienenvolk. Das anhaltende Massensterben ist vorprogrammiert und damit wäre die neue Situation erklärt, weshalb das Sterben nicht abnimmt, sondern auch nach einer Woche weiterhin steil ansteigt. Der Schaden für die menschliche Gesundheit scheint nicht auszubleiben. Ein Imker, der den frisch eingetragenen Pollen gegessen hatte, bekam nachts Krämpfe. Bei den Landwirten munkelt man von einem Fall, der nach Kontakt mit dem Beizmittel in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Die Imker trifft dieser Todesschlag gegen ihre Bienenvölker umso schmerzlicher, als sie im vergangenen Winter durch die Varroamilbe bereits durchschnittlich 40 Prozent ihres Bestandes verloren haben.

Es stellen sich nun folgende Fragen:

Woher kommt das Bienensterben? Dauert es weiter an, wie wir aus dem bisherigen Verlauf bei weiter gutem Wetter vermuten? Ist das Gift bereits über den Pollen in den Bienenvölkern eingelagert? Muss den Imkern in einem Aufruf angeraten werden, zur Rettung der restlichen Bestände die Völker schleunigst aus der Todeszone zu nehmen?Wer ersetzt den Imkern den entstandenen Schaden? Was geschieht mit dem Honig, bisher Natur belassenes und gesundheitsbewährtes Nahrungsmittel? Kann jetzt eingetragener Honig noch unter dem „Qualitätszeichen Baden-Württemberg“ verkauft werden?Wie gefährlich ist die Giftbelastung für die Bevölkerung? Heute hat bereits eine besorgte Mutter angerufen, welche Gefahren für ihre Kinder entstehen. Am nächsten Sonntag ist Muttertag. Ist das Blumenpflücken in der Todeszone unbedenklich oder sollte sicherheitshalber davon Abstand genommen werden?
Sehr geehrter Herr Minister Hauk, Honigbienen sind unbestechliche Umweltindikatoren. Wenn massenhaftes Bienensterben auftritt, dann wirkt das Gift auch tödlich auf die übrige Insektenwelt. Dass die Ängste bei den Imkern und auch in der Bevölkerung wachsen, ist verständlich, denn sie sind in ihrem Lebensraum ebenfalls von dieser Belastung betroffen.

Aus diesem Grunde fordern wir Sie als Landwirtschaftsminister auf, sofort einen Krisenstab einzuberufen, der sich der sofortigen Klärung dieses Massensterbens unserer Bienenvölker annimmt und die Haftungs- und Schadenersatzfragen klärt. Gleichzeitig fordern wir Sie als Verbraucherminister auf, der Bevölkerung in der Todeszone das Ausmaß der entstandenen Vergiftungen offenzulegen.

Mit freundlichen Grüßen

Ekkehard Hülsmann
Landesverband Badischer Imker e. V.
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