Lieber Herr Raff, anbei erhalten Sie die von Dr. Jean-Marc Bonmatin und Dr. Albert Becker für die PK vorab autorisierten Aussagen: Aussagen 1+2 Bonmatin, Aussagen 3-5 Becker (s.u.). Das MLR hat mir am Freitag mitgeteilt, daß das frz. Agrarministerium mitgeteilt habe, dass der Zulassungsprozess für Chlothianidin weiterhin laufen würde. Es sei am 4.1.2008 auch lediglich der Auftrag erteilt worden, weitere Untersuchungen bezüglich Wasser und Clothianidin beizubringen. Ich habe das MLR gebeten, mir hierfür eine schriftliche Aussage beizubringen. Bonmatin jedenfalls hat seine Aussage 1) ausdrücklich + wörtlich bestätigt. 1) Am 4.1.2008 hat das frz. Agrarministerium entschieden, Clothianidin nicht zuzulassen. Die Begründung hierfür war der vorgelegte Bericht von Bayer selbst, demzufolge die Persistenz von Clothianidin im Boden zu lange und die Bienengefährlichkeit zu hoch ist! 2) Deutschland war und ist gegenüber Frankreich häufig in Fragen des Umweltschutzes voraus. In diesem Fall aber hat Deutschland im Gegenteil zu Frankreich eine negative Entscheidung für die Umwelt gefällt. 3) Bei der Verwendung systemisch wirkender Insektizide zum Beizen von Mais (u.a. Gaucho, eng verwandt mit Clothianidin) 2002 in Südwestfrankreich gibt es auch bei Menschen unter anderem Reizungen an der Haut sowie Hinweise für Atmungsstörungen. Entsprechend verätzte Menschen wurden untersucht und haben eine Sammelklage gegen die Saatguthersteller und die Pestizidhersteller eingereicht. Die Gerichtsverfahren laufen derzeit. 4) Dr. Monique Gauthier von der Universität Toulouse hat 2008 einen zweiten Weg gefunden, über den die Neo-Nicotinoide, zu denen Clothianidin gehört, das Nervensystem bei Bienen wie bei Menschen blockieren können. Diese Blockade führt in Abhängigkeit von der Dosis zu Lähmungserscheinungen. Clothianid ist daher potenziell noch gefährlicher als bisher gedacht. Aus Vorsorgegründen sollten daher keinesfalls Zulassungen für Clothianid erfolgen. Es besteht erheblicher Forschungsbedarf für die gesamte Thematik Pestizide und menschliche Gesundheit. 5) Es scheint so zu sein, dass die Landwirte, die Clothianidin ausgebracht haben, über ihre Belastung mit Clothianidin nicht genau untersucht wurden – warum? Das wäre eine wichtige Aufgabe der staatlichen Behörden gewesen, nicht nur Bienen, Erdbeeren, Bäume und Honig, sondern auch die Menschen zu untersuchen, die mit dem gebeizten Saatgut gearbeitet haben. Ergänzend hier unsere Pressemitteilung der PK am 19.6.2008 ( Landtagsfraktion der GRÜNEN - 19.6.2008:
"Agrarwende statt Bienengifte"
Grüne informieren über internationale Untersuchungen
"Seit Jahren schon hätten Minister Hauk und seine Mitarbeiter die Gefährlichkeit von Clothianidin kennen müssen", lautet der Vorwurf der Grünen im Landtag. Deren agrarpolitischer Sprecher Bernd Murschel stellte zusammen mit Experten aus Frankreich Untersuchungen und Erfahrungen aus Europa und Nordamerika vor, die diesen Vorwurf untermauern.
"In Kanada müssen Landwirte, die Wirkstoffe wie Clothianidin ausbringen, schon seit 2003 Schutzkleidung und Handschuhe tragen, da Gesundheitsgefährdungen für Menschen bekannt sind", so Murschel, dem weitere Untersuchungen aus Nordamerika vorliegen: "In Nord-Dakota in den USA haben sie für Clothianidin eine Halbwertszeit von 1.386 Tagen nachgewiesen - das sind fast vier Jahre. Es ist unverantwortlich von Minister Hauk, wenn er sich nicht strikt gegen die Verwendung derart langlebiger Pestizide und hochgiftiger Nervengifte einsetzt", empört sich Murschel.
Dr. Jean-Marc Bonmatin vom französischen Centre National de la Recherche Scientifique aus Orléans ergänzt: "Am 4. Januar 2008 hat der französische Agrarminister Bussereau entschieden, Clothianidin nicht zuzulassen. Die Begründung hierfür lag in dem von der Firma Bayer selbst vorgelegten Bericht. Demzufolge ist die Bienengefährlichkeit zu hoch und die Persistenz von Clothianidin im Boden zu lange."
Dr. Albert Becker, Imker, Arzt und Inhaber eines Labors für Bienenprodukte wies darauf hin, dass es schon 2002 in Südwestfrankreich Hautschäden und Atmungsstörungen bei Landwirten gab, die mit Nervengiften gearbeitet hatten, die identisch wie Clothianidin wirken. Eine Forscherin der Universität Toulouse habe zwischenzeitlich nachgewiesen, daß diese Nervengifte die Funktionsfähigkeit des Nervengiftes sowohl bei Bienen wie bei Menschen angreifen und zu Lähmungserscheinungen führen können. Wie Bonmatin setzt er sich dafür ein, dass Clothianidin keinesfalls zugelassen wird.
Manfred Raff, stellvertretender Vorsitzender der badischen Imker, ist enttäuscht von Landwirtschaftsminister Hauk und dem Ministerium, "weil wir seit über 10 Jahren auf unseren Fachtagungen auf die Gefährlichkeit von Pestiziden wie Clothianidin und verwandten Stoffen hinweisen. Die Vertreter des Ministeriums waren jedes Jahr dabei, passiert ist nichts." Und er berichtet aus Österreich, dass die dortigen Erwerbsimker schon seit sieben Jahren über jährlich wiederkehrende erhebliche Schäden an ihren Bienenvölkern berichten, die sie mit dem Einsatz von Pestiziden in Verbindung bringen. "Die österreichischen Kollegen fordern wie wir eine Änderung der Zulassungsverfahren für Pestizide, da diese für Bienen absolut unzureichend sind - die Bienengefährlichkeit zugelassener Pestizide ist viel zu hoch."
"Entgegen den Tatsachen hat Minister Hauk immer wieder behauptet, bei einer Tagung zum Bienensterben im Januar 2008 in Rom seien keine wichtigen Erkenntnisse hinsichtlich Clothianidin besprochen worden. Das ist nachweislich falsch: Ein Vertreter der Universität Udine berichtete dort, dass verschiedene Nervengifte, darunter Clothianidin bereits bei geringen Mengen bienengefährlich seien.", so Murschel.
"Die richtige Strategie bei der Bekämpfung des Maiswurzelbohrers fährt die Schweiz", zeigt Murschel einen Lösungsweg auf. Nach seinen Informationen setzt die Schweiz auf eine konsequente Fruchtfolge. Nach Angaben des Schweizer Bundesamtes für Landwirtschaft sei dies "wirksamer, nachhaltiger und erfolgreicher als die Bekämpfung mit Insektiziden". 2007 sei eine Kommission von EU-Experten in der Schweiz gewesen und habe die Bekämpfung durch eine strikte Fruchtfolge akzeptiert. Daran solle sich Minister Hauk orientieren, anstelle dagegen zu polemisieren, in dem er dies als "Agrarpolitik wie vor 300 Jahren bezeichne".
Von Minister Hauk fordert Murschel, anlässlich des Bienensterben endlich seine Agrarpolitik grundlegend zu ändern: Weniger Pestizide, weniger Monokultur, mehr Biolandbau. Für die Landwirte und Imker in den betroffenen Gebieten fordern die Grünen ein tragfähiges Konzept zur umweltverträglichen Landnutzung, für die Forschung eine verbesserte finanzielle Ausstattung der wissenschaftlichen Einrichtungen des Landes. Diese sollen unabhängig von Agrochemie-Konzernen forschen können. "Agrarwende statt Bienengifte" heißt die Devise, so der promovierte Agrarexperte Murschel.
------- Darüber hinaus bin ich gerade dabei zu klären, ob das Ministerium Bonmatin als Redner und seine Folien veröffentlicht - im Augenblick fehlt er immer noch im Internet, "komisch"... Herzliche Grüße Ihr Markus Rösler
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